Kubiniana II

Burghard Toelke, Violine, Viola
Agnes Oberndorfer, Viola
Anna Katharina Rischanek, Viola
Sonja Bogner, Violine
Klara Außerhuber, Violoncello
Tobias Wögerer, Vibraphon
Theresa Dinkhauser, Bassklarinette

Hermann Markus Pressl, A5 für Bassklarinette, drei Bratschen und Vibraphon
Hooshyar Khayam (Composer in Residence), Die andere Seite für Streichquartett (UA, Kompositionsauftrag Festival 4020)

Kubins Roman kann nicht nur als Utopie gelesen werden, die eine europäische Stadt zur Gänze im Orient neu verortet; er stellt sie auch in eine andere imaginäre Zeit außerhalb der Gegenwart. Wie in einer Zeitmaschine ist die Traumstadt Perle in eine Vergangenheit ohne Autos, Technik und Elektrizität zurückversetzt, sie ist hermetisch von ihrer Außenwelt abgeschirmt und von allen geltenden Zeitzonen, vom synchron getakteten Jetzt der Moderne abgekoppelt. Als buchstäblich gegen den Uhrzeigersinn anlaufende Utopie ist sie auch ein radikaler Gegenentwurf zur Idee des Fortschritts und der Geschichte sowie zur gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit. Sie folgt ihren eigenen Gesetzen und Abläufen, jenem sprunghaften und erratischen Zeitregime, das ihr Schöpfer, der Stadtgründer Claus Patera, seinem Traumreich auferlegt. Wenn man Zeit als das elementare musikalische Gestaltungsmittel versteht, dann agiert Patera eigentlich wie ein Komponist: er legt die innere Dramaturgie, die Atmosphären, Tonlagen und Entwicklungen seines Werkstücks fest. Auf eine subtile und undurchschaubare Weise beeinflusst er Stimmungen und Befindlichkeiten, orchestriert und dirigiert seine Schöpfung und Geschöpfe. Zugriff verschafft er sich dabei über das kollektiv Unbewusste: Er greift in Träume ein und versetzt seine Untertanen in tranceartige Zustände der Entrückung – Grenzerfahrungen, die mit einem gänzlich anderen Zeitempfinden verbunden sind als unser Alltagsbewusstsein. Diesen „zeitlosen“ Qualitäten soll in diesem und den folgenden Konzerten nachgespürt werden. So gleich zu Beginn mit einem Stück des Grazer Komponisten Hermann Markus Pressl, dessen Dauer offen konzipiert ist und das das Spannungsfeld zwischen seiner tatsächlich gespielten Länge und dem subjektiven Zeiterleben auslotet. Hooshyar Khayam, Composer in Residence des Festivals, verschränkt in seinem Streichquartet Kubins Traumstadt mit der Ruinenstadt Izad Khast (wörtlich: „Gott will es!“) im südlichen Iran. Über die Gründe, warum Izad Khast vor Jahrhunderten aufgegeben und verlassen wurde, ist nichts bekannt. Zwei Stadtvermessungen, zwei imaginäre Stadtgeschichten und der Himmel über der Wüste.


An allen vier Tagen stehen im Pausenfoyer vor dem Mittleren Saal des Brucknerhauses Hörstationen mit Textpassagen aus Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“ für das Publikum bereit.
In Kooperation mit dem Musiktheater Linz

Donnerstag, 4. Mai 2017  
Brucknerhaus, Mittlerer Saal, Linz, 19:30 Uhr
Kubiniana II