Kubiniana III

Man kommt in eine kleine, winklige, leere Zelle, zum Teil mit rätselhaften Zeichnungen, wohl Symbolen, bedeckt. Hinter der Mauer hört man das gewaltige Pendel mächtig hin- und herschwingen. So! tick … tack … tick … tack. Über die Steinwand strömt Wasser, ununterbrochen strömt es. Ich tat, wie der Mann, der nach mir eintrat, blickte die Wand starr an und sagte laut und deutlich: „Hier stehe ich vor Dir!“

 

Alfred Kubin, „Die andere Seite“

Hard-Chor
Alexander Koller, Leitung

Martin Mallaun, Zither

Bernard Lang, DW 10a für E-Zither und Loop Generator (2003)
Hermann Markus Pressl, Asralda für 5 und 7 Stimmen und javanesischen Gong (1982)
Guillaume de Machaut, La Messe de Nostre Dame, Kyrie (um 1360)
William Dougherty, Traum im Traum für Zither in mitteltöniger Stimmung und Sinustöne (UA)

John Taverner, Shûnya

Die Werke des zu Unrecht vergessenen Komponisten Hermann Markus Pressl (1939-94) entheben das Publikum seines Zeitgefühls; so ist es nur folgerichtig, dass Anfang und Ende und damit auch die Dauer des Chorstücks „Asralda“ nicht fix vorgegeben sind. Pressl wirkte viele Jahre an der Grazer Musikuniversität, davor sammelte er Erfahrungen in Afghanistan als Lehrer und Musikethnologe. Rituale, wie sie in „Asralda“ anklingen, in Traumsphären entführen, das Unbewusste auftauchen lassen, waren dem Forschenden vertraut.

In Kubins Stadt Perle herrscht eine andere Zeitrechnung, die Gesetze der Zivilisation sind außer Kraft gesetzt – frei nach dem Motto des berühmtem mittelalterlichen Kanons von Guillaume de Machaut „Ma fin est mon commencement“ („Mein Ende ist mein Anfang“). Vom wohl bekanntesten Komponisten und Dichter der Ars nova wird das Kyrie aus der Messe de Nostre Dame zu hören sein.

Als Gegenpol zu den Chorstücken wird Martin Mallaun zwei zeitgenössische Werke für Zither und Elektronik von Bernhard Lang (*1957) und William Dougherty (*1988) interpretieren. Auch hier entstehen Klangkaskaden, die viel Raum für zyklische Zeiterfahrung und die Verbindung von Altem und Neuem geben: Im Zentrum steht die Zither als traditionelles Instrument – in ihrem Klangspektrum erweitert, um gewohnte Hörereignisse zu verfremden.

Die Werke des heutigen Abends ermöglichen dem Zuhörer das Außerhalb-der-Zeit-Sein, sich selbst betrachtend und Erkenntnissen auf der Spur – und vielleicht auch, sich ein paar Schritte in die Stadt Perle hinein zu wagen.


An allen vier Tagen stehen im Pausenfoyer vor dem Mittleren Saal des Brucknerhauses Hörstationen mit Textpassagen aus Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“ für das Publikum bereit.
In Kooperation mit dem Musiktheater Linz

Donnerstag, 4. Mai 2017  
Brucknerhaus, Mittlerer Saal, Linz, 21:00 Uhr
Kubiniana III