... ein dunkles Tor

Wie orientalische Städte aussehen, setze ich als bekannt voraus. Es ist genauso wie bei uns, nur orientalisch. Kreuz und quer wanderten wir durch Straßen und über Plätze, uns dabei fortwährend durch Tausend und eine Nacht-Szenen schiebend. Nach Verlauf einer halben Stunde wurde es stiller, wir schienen an den Rand der Stadt zu gelangen. (…) Und da erst entdeckte ich im Dunstschleier eine ungeheure, grenzenlose Mauer. Ganz plötzlich und unerwartet tauchte sie vor mir auf. Irgend jemand schritt uns mit einem Licht voran auf ein gewaltiges schwarzes Loch zu: das war das Tor des Traumreiches.

 

Alfred Kubin, „Die andere Seite“

Roham Khorshidvand, Gesang
Younès Paknezhad, Kamanché
Seyed Mohsen Nahani, Ney

Wie tritt uns die Traumstadt Perle gespiegelt – aus der Sicht eines außereuropäischen Betrachters entgegen? Kubin, der den Orient zeitlebens nur aus Büchern kannte, hat sie an der Seidenstraße, „irgendwo bei Samarkand“, verortet und sie mit einer nur skizzenhaft entworfenen düsteren Gebirgslandschaft umgeben. Bei aller Faszination für die Exotik und Fremde Innerasiens dient sie ihm aber eigentlich nur als kubineske Kulisse genuin europäischer Aussteigerfantasien und Sehnsüchte. Das Motiv der Traumstadt als Gegenwelt zu unserer alltäglichen Wirklichkeit findet sich aber auch in der Überlieferung und Dichtkunst dieses alten Kulturraums. So etwa bei Hafis und Saadi, zwei mittelalterlichen persischen Mystikern, die ihre Lyrik in Verbindung mit Musik als Mittel spiritueller Erfahrung verstanden. Saadi beschwört die Vision einer neu zu erbauenden Stadt, die ihren Bewohnerinnen und Bewohnern Zuflucht und Paradies sein soll: ein idealer Ort, an dem es kein Unrecht und keine Konflikte gibt. 

Diesem Traum wird die mächtige und eindringliche Stimme Roham Khorchidvands Gestalt verleihen, eines jungen Sängers aus Khorramabad in der Region Lorestan im westlichen Iran. Beide Gedichte werden, wie in der klassischen persischen Musik üblich, in Avaz gesungen, einem Gesangsstil im freien Rhythmus, dessen Melodien hier von zwei kurdischen Meistern der Ney (Flöte) und der Kamanché (Stachelgeige) aufgegriffen, vielfältig variiert und miteinander verschränkt werden. 


An allen vier Tagen stehen im Pausenfoyer vor dem Mittleren Saal des Brucknerhauses Hörstationen mit Textpassagen aus Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“ für das Publikum bereit.
In Kooperation mit dem Musiktheater Linz

Mittwoch, 3. Mai 2017  
Brucknerhaus, Mittlerer Saal, Linz, 22:00 Uhr
... ein dunkles Tor