Geheime Gärten

Like Rain it sounded till it swelled
And then we knew ’twas Wind –
It walked as wet as any Wave
But swept as dry as Sand – […]

 

(Emily Dickinson, 1830 - 1886)

 

Wie Regen klang es, bis es schwoll
Da merkten wir, ’s war Wind –
Wie Wellen nass, so lief es hin
Doch trocken stob’s wie Sand – […]

 

(Übersetzung von Gunhild Kübler, Hanser Verlag)

Nurit Stark, Viola
Cédric Pescia, Klavier

Ensemble 4020:
Ria Georgiadis, Flöte; Elisabeth Köstler, Violine; Dušan Markovic, Viola; Greta-Sophie Lantschner, Violoncello; Theresa Dinkhauser, Klarinette; Werner Karlinger, Harfe; Jan Satler, Klavier; Sven Birch, Leitung 

Tristan Murail (*1947), C’est un jardin secret, ma sœur, ma fiancée, une fontaine close, une source scellée für Viola solo
Tristan Murail, Treize couleurs du soleil couchant für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier sowie Elektronik ad. Lib.
Toru Takemitsu (1930 - 1996), And Then I Knew t’was Wind für Flöte, Viola und Harfe
Clara Schumann (1819 - 1896), Nocturne F-Dur, op. 6 / 2 für Altflöte, Klarinette, Harfe, Violine, Viola und Violoncello (Arrangement Sven Birch, UA, Auftrag Festival 4020)
Franz Liszt (1811 - 1896), Liebestraum Nr. 3 As-Dur, für Klavier solo

Tristan Murail komponierte „C’est un jardin secret, ma sœur, ma fiancée, une fontaine close, une source scellée“ für Viola solo anlässlich der Hochzeit von Freunden. Der Titel zitiert das biblische Hohelied: „Ein verschlossener Garten bist du, meine Schwester Braut, ein versiegelter Quell!“ (Hld 4,12). Als Inbegriff des Symbols der Liebe liegt dem Stück als rhythmisches Motiv ein Herzschlag zugrunde, der sich beschleunigt und verlangsamt. Obertonreiche Klänge und solche, die auf dem Steg erzeugt werden, sind Teil dieser Miniatur, in der Tristan Murail kompositorische Prozesse genauso verdichtet, so wie er sie ausführlich in großen Werken abhandelt.

Mit „Treize couleurs du soleil couchant“ streift Tristan Murail das Reich des romantisch-verklärten Impressionismus. Einerseits, indem er für sein Stück dreizehn (Klang)farben aus dem Innersten der Tonstrukturen kreierte, die auch für die Hörenden nachvollziehbar sind, und andererseits, indem er mit dem titelgebenden Bild der untergehenden Sonne Assoziationen an Claude Monets berühmtes Gemälde „Sonnenaufgang“ weckt, das als erstes Werk des Impressionismus gilt. 

Als Meister der Klangfarben wird der japanische Komponist Toru Takemitsu bezeichnet. Auch er nimmt Anleihen bei impressionistischen Kunstwerken, wie etwa in „And then I knew t'was Wind“ für Flöte, Viola und Harfe aus dem Jahr 1992. Darin bezieht er sich auf den Protagonisten der impressionistischen Musik, Claude Debussy – sowohl in der Besetzung, die ein breites Spektrum an Kolorit verheißt, als auch mit einem Motiv-Zitat. Der aus einem Gedicht von Emily Dickinson entlehnte Wind im Titel streicht in dem meditativen Stück wie mit einem Pinsel über die Klänge, deren Farben sich sukzessive verändern. 

Sven Birch, der für dieses Konzert das Ensemble zusammengestellt hat, bringt mit seiner speziell für das Festival 4020 geschaffenen Instrumentierung von Clara Schumanns Nocturne F-Dur, op. 6/2 das Paradestück romantischer Klaviermusik in ungewohnten Klangnuancen zum Schillern. Clara Schumanns Geburtstag jährt sich heuer zum 200. Mal, und mit einem Zitat über den persönlichen Stellenwert der Musik sei der berühmtesten Pianistin des 19. Jahrhunderts, der Komponistin und Managerin gedacht: „Die Ausübung der Kunst ist ja ein großer Teil meines Ichs, es ist mir die Luft, in der ich atme.“

  

Freitag, 3. Mai 2019  
Brucknerhaus, Mittlerer Saal, Linz, 19:30 Uhr
Geheime Gärten