Kubiniana V

Ich wurde im Jahre 2637 vor Christus geboren. Bilden Sie die Quersumme und Sie werden sehen, welche Zahl dabei herauskommt. Das war in Mesopotamien. So war das. Ich war mit einer sehr hübschen Frau verheiratet, und wir sind beide getötet worden. Ich war siebenundzwanzig Jahre alt, sie war ein paar Jahre jünger. Wir lebten in einem assyrischen Palast am Ufer des Euphrat. Es war dort sehr schön, ein warmer Ort und ein wundervoller Fluss. Es gibt ein Porträt von mir, aus Stein, zwei Meter hoch, mit meinem Gesicht, vergraben im Sand. Ich könnte es vielleicht sogar wiederfinden, in der Nähe des Flusses. Vielleicht entdeckt man es eines Tages. Ich will, dass nichts übrigbleibt. Die Statue im Sand aber wird bleiben. Die kann ich nicht zerstören. 

 

Giacinto Scelsi, aus: „Arbeit am Mythos“, Saarbrücken 2005

Trio Weinmeister
Hanna Weinmeister, Violine
Gertrud Weinmeister, Viola
Bruno Weinmeister, Violoncello

Henry Purcell, Fantasias a tre voce, Dido’s Lament
Giacinto Scelsi, Streichtrio (1958), L’âme d’ailée und L’âme Ouverte für Violine solo (1973)
Domenico Gabrielli, Ricercare I, V, VI, VII für Violoncello solo
György Ligeti, Facsar aus der Sonate für Viola solo (1991–94)
Giuseppe Tartini, Sonate für Violine und Basso continuo in g-Moll (Teufelstriller Sonate)

Das Trio Weinmeister, bestehend aus den Geschwistern Gertrud, Hanna und Bruno, verbindet Musik des frühen Barock und der Moderne zu einer Architektur fragiler Klänge. Die Stücke – auf der einen Seite von Giacinto Scelsi (1905–88) und György Ligeti (1923–2006) aus dem 20. und auf der anderen Seite von Giuseppe Tartini und Henry Purcell aus dem 17. Jahrhundert – können als imaginäre Häuser einer Traumstadt verstanden werden, die in höchst eigensinnigen Verhältnissen zueinander stehen. So suggeriert die labyrinthische Chromatik von Purcells „Fantasias“ Bilder von sich nach oben schraubenden Wendeltreppen und Passagen mit geheimen Ausblicken und Brückchen zwischen raffiniert verschachtelten Stadträumen. 

Scelsis Stücke hingegen, die oft um einen einzigen Ton kreisen, der in seinen Schwebungen und Nuancen bis ins letzte Detail untersucht und klanglich ausgekostet wird, evozieren Weite und auf paradoxe Weise ins Unendliche auskragende Flächen aus dem Innenraum der Klänge: musikalische Wandelgänge, die jegliches Zeitgefühl aufheben. Der Komponist Scelsi umgab sich zeitlebens mit einem Geheimnis um seine Person und seine Arbeitsweise, nicht ganz unähnlich dem mysteriösen Herrscher in Kubins Traumstadt Perle. Ihr Untergang wird mit Purcells elegischem Abgesang „Dido’s Lament“ beschworen. 


An allen vier Tagen stehen im Pausenfoyer vor dem Mittleren Saal des Brucknerhauses Hörstationen mit Textpassagen aus Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“ für das Publikum bereit.
In Kooperation mit dem Musiktheater Linz

 

Samstag, 6. Mai 2017  
Brucknerhaus, Mittlerer Saal, Linz, 19:30 Uhr
Kubiniana V