Nacht.Perlen

Fast jede Nacht brachte mir entlegene Begebenheiten, und ich bin der Meinung, dass diese Traumbilder aufs engste verkettet waren mit den Erlebnissen meiner Ahnen, deren seelische Erschütterungen sich vielleicht organisch geprägt und vererbt haben. Noch tiefere Traumschichten öffneten sich mir im Aufgehen in Tierexistenzen, ja im bloßen Hindämmern in Urelementen. Diese Träume waren Abgründe, denen ich mich willenlos hingegeben sah.

 

Alfred Kubin, „Die andere Seite“

Marco Ambrosini, Schlüsselfidel (Nyckelharpa)
Anna-Liisa Eller, Kannel
Franziska Fleischanderl, Salterio und Hackbrett
Eva-Maria Rusche, Tafelklavier

Kompositionen von Girolamo Frescobaldi und dem Ensemble (UA)

  • Der Ruf, der Besuch, die Reise (G. Frescobaldi: Così mi disprezzate)
  • Die Traumstadt (G. Frescobaldi: Canzon dopo l’Epistola)
  • Der Alltag (G. Frescobaldi: Aria detta la Frescobalda)
  • Die Traummenschen (G. Frescobaldi: Toccata)
  • Die Vorstadt (G. Frescobaldi: Canzona prima a due Canto e Basso)
  • Der Bann (G. Frescobaldi: Praeludium & Toccata per l’Elevazione)
  • Die Verwirrung des Traums (G. Frescobaldi: Recercar cromaticho)
  • Der Widersacher (G. Frescobaldi: Canzon terza a Canto solo)
  • Die Außenwelt (G. Frescobaldi: Canzon post il Comune)
  • Der Untergang des Traumreiches (G. Frescobaldi: Bergamasca)
  • Die Erlösung und die Rückkehr (G. Frescobaldi: Se l’aura spira)

 

Als Hin- und Herpendeln zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen den Rändern des Wachbewusstseins und dem Unbewussten, der dunklen, „anderen Seite“ im Menschen, beschreiben die vier KünstlerInnen ihre musikalische Annäherung an Kubin. Im Traum verschwimmen die Grenzen der Zeit, wird Zeit als poröses und durchlässiges Medium, als eigener Aggregatszustand erfahrbar, in dem alles möglich, aber nichts mehr im gewohnten und alltagstauglichen Sinn „wirklich“ ist. Wie die Traumbürgerinnen und -bürger der Stadt Perle sind auch diese Musizierenden Zeitreisende in eine Vergangenheit, die ihre Wurzeln auf eine paradoxe Weise im Jetzt und Heute hat: ihr Ausgangspunkt ist die Musik Girolamo Frescobaldis (1583–1643), die sie improvisierend und mit einem ganzen Spektrum „anderer Saiten“ ausloten, kunstvoll überformen und nachklingen lassen. 

Der Resonanzraum all dieser musikalischen Metamorphosen bleibt aber unsere zerbrechliche, labyrinthisch verschachtelte Gegenwart. Zeitlos aktuell bleiben deshalb auch jene Fragen, die Kubin wie Frescobaldi, beide Zeugen dramatischer Epochen des Umbruchs, des Untergangs und der Neugestaltung, umgetrieben haben: die Tauglichkeit von Utopien als Ausdruck des Wunsches, bessere Welten entstehen zu lassen; der Umgang mit den unberechenbaren Schattenseiten und Abgründen der menschlichen Zivilisation – und die Herausforderung, zwischen diesen beiden Polen ein schwankendes Gleichgewicht und eine stimmige Antwort zu finden. 


An allen vier Tagen stehen im Pausenfoyer vor dem Mittleren Saal des Brucknerhauses Hörstationen mit Textpassagen aus Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“ für das Publikum bereit.
In Kooperation mit dem Musiktheater Linz

Freitag, 5. Mai 2017  
Brucknerhaus, Mittlerer Saal, Linz, 21:00 Uhr
Nacht.Perlen